Johannes Scharrer Realschule
91217 Hersbruck

Die Nummer geht mit mir ins Grab

Herr Rosenbach berichtete den 10.Klässlern über sein Schicksal im KZ Franz Rosenbach ist ein ehemaliger KZ Häftling. Einer der wenigen Zeitzeugen, die noch aus erster Hand von den furchtbaren Erlebnissen in KZ’s im dritten Reich berichten können.  Herr Rosenbach besuchte am letzten Donnerstag die Johannes-Scharrer-Realschule um den Lehrern und vor allem den Schülern seine Geschichte zu erzählen. Er sprach „tacheles“, also ungeschminkt die ganze brutale Wahrheit. Herr Rosenbach ist 1927 in Österreich geboren und aufgewachsen, und gehört der Volksgruppe der Sinti und Roma an. Er kam in das erste KZ als er 15 Jahre alt war. Fast drei Jahre lang war er in verschiedenen Gefängnissen und Vernichtungslagern in Gefangenschaft. Zuerst in Birkenau, Buchenwald und zuletzt in Mittelbau-Dora.
Mittlerweile wohnt er in Nürnberg und hat selbst 9 Kinder.

Wie und wann kam es dazu, dass Sie zum Aufenthalt im KZ verschleppt wurden?
Ich lernte mit 15 Jahren bei der Deutschen Reichsbahn. Nach drei Monaten wurde ich plötzlich von zwei SS-Männern abgeführt. Ich wusste nicht, wohin sie mich brachten, meine Fragen beantworteten sie nicht. Im Polizeigefängnis in Wien traf ich auf meine Mutter, sechs Kinder, meinen Onkel und meine Tante. Wir alle gehörten zur Gruppe der „Sinti & Roma“, weswegen wir verschleppt wurden.

4 Schülerinnen aus der 10d stellten zum Schluss noch persönliche Fragen Ahnten Sie, was dort auf Sie zukam?
Nein, alle, die mit mir inhaftiert waren, hatten keine Ahnung was passieren wird. Eines Tages führte man meinen Onkel und mich in den Keller des Gefängnisses. Der Keller war voller Blut und Leichen und überall lagen abgetrennte Köpfe, die wir einsammeln mussten. Dann brachten wir sie zum Verbrennen.

Was ging in diesem Moment in Ihnen vor?
Bei diesem Anblick war ich sehr geschockt und erschüttert, so dass ich nicht mehr richtig reden konnte und einfach funktioniert habe, wie es uns befohlen wurde.

Hatten Sie bis zu diesem Zeitpunkt jemals an einen Fluchtversuch gedacht?
Nein, bis dahin nicht, aber später als wir in einem völlig überfüllten Zug auf dem Weg nach Auschwitz ins KZ waren, habe ich versucht das Fenster zu öffnen und zu flüchten. Leider erwischte mich ein SS-Mann. Er drückte mir seine Maschinenpistole auf die Brust, beschimpfte mich stark und sagte: „Versuch das nie wieder oder ich erschieße dich auf der Stelle!“ Meine Mutter bettelte mich an:“ Bitte probier es nie wieder!“ Ich versprach es ihr.

Wie lief die Ankunft in Auschwitz/Birkenau ab? Kein Grund zur Schande - die Häftlingsnummer, die an die menschenverachtende Behandlung der Nazis erinnert. Wir mussten unsere Kleidung ausziehen und Wertgegenstände abgeben, die uns einfach entrissen wurden. Wir standen splitternackt da, wurden geschert und bekamen unsere Häftlingsnummern auf den linken Arm tätowiert. Meine Nummer lautet: „Z-9264“. Diese habe ich heute noch.

Haben Sie jemals daran gedacht sie entfernen zu lassen?
Nein, die geht mit mir ins Grab. „Z“ steht für „Zigeuner“. Heute heißt es nur noch „Sinti und Roma“. Lange Zeit habe ich sie heimlich verborgen. Ich habe sogar ein Pflaster draufgeklebt.

Was passierte dann im KZ?
Wir wurden alle mehrmals „sortiert“, also wer für Arbeit geeignet war oder wer nicht. Ich wurde eingeteilt im Kanalisationsbau zu arbeiten. Unser Schlafplatz war eine Holzbaracke, es gab keine sanitären Anlagen.
Die „Aussortierten“, vor allem Kinder, Frauen und alte Menschen, wurden sofort vergast und verbrannt. Tausende von Menschen kamen uns Leben. Ich war gezwungen für ein bisschen mehr Brot, die Gaskammern von Leichen zu leeren. Oftmals war es sehr schwer Mütter und ihre Kinder voneinander zu trennen. Es gab einen Platz, auf dem wurden die Toten gestapelt, mit Benzin übergossen und verbrannt.

In der Ausstellung über das KZ-Außenlager Hersbruck ist ein solcher Pressluft-Bohrer zu sehen, wie ihn Herr Rosenbach benutzen musste.Was passierte in Mittelbau-Dora?
Die letzten Überlebenden sollten durch das NS-Programm „Vernichtung durch Arbeit“ im Steinbruch zu Tode schuften. Viele starben bei den Sprengungen und Arbeiten.

Was hat ihnen geholfen die Zeit im KZ zu überstehen?
Mein eiserner Wille!

Wie haben Sie sich gefühlt, als Sie aus dem KZ entlassen wurden?
Mein Schwager und ich befanden uns auf einem Todesmarsch aus dem wir uns selbst befreit haben. Wir waren von 150 Leuten nur noch 12 oder 13. Der einzige Aufpasser, der da war, war ein älterer Mann mit Maschinenpistole. Zwei Häftlinge gingen auf ihn los und entnahmen ihm seine Waffe. Dadurch konnten wir durch den Wald fliehen. Nach 3 Tagen  trafen mein Schwager und ich auf einer Straße einen Mann, der uns mitteilte, dass wir uns nicht mehr verstecken brauchten, da der Krieg vorbei wäre. Mein Schwager und ich lagen uns in den Armen und weinten. Doch als ich heimkam, hatte ich nichts mehr. Für lange Zeit habe ich nicht mehr gesprochen und war traumatisiert.

Der Zeitzeuge wurde begleitet von der Sozialwissenschaftlerin Birgit Mair vom Institut für sozialwissenschaftliche Forschung, Bildung und Beratung e.V. (ISFBB), die eine Wander-Ausstellung über den Zeitzeugen konzipiert hat. Die Begegnung wurde innerhalb des Projekts Tacheles! Handlungsstrategien gegen Rechtsextremismus in der Jugendarbeit in Mittel- und Oberfranken durchgeführt. Dieses Projekt wird vom Bundesministerium für Arbeit und Soziales sowie dem Europäischen Sozialfonds innerhalb des Programms XENOS – Integration und Vielfalt finanziert und läuft noch bis März 2012 (Info: www.tachelesprojekt.de).

Simone Karges, Amelie Meyer, Kerstin Rupprecht, Rebecca Wolf (10d)